Interview

"Nicht Männer stehen Frauen im Weg, sondern männliche Arbeitszeiten"

Von Viktoria Bittmann07.10.2014
Wolf Lotter, Foto: Sarah Esther Paulus
Wolf Lotter, Foto: Sarah Esther Paulus

Wolf Lotter, Chefkolumnist des Wirtschaftsmagazins BRAND EINS, spricht im Interview zum Schwerpunktthema "Frauen in den Vertrieb" über beflügelnde Freiheiten, verzichtbare Manager und ideologische Irrtümer.

Von Viktoria Bittmann


Herr Lotter, ist der Vertrieb männlich?

Ja, der Vertrieb ist männlich. Er ist ausgerichtet auf männliche Taktung – und damit meine ich nicht nur die Kultur und die Art, wie man miteinander redet, sondern auch die Arbeitszeit. Ich bin ein großer Kämpfer für völlig andere Arbeitszeiten, sowohl Lebensarbeitszeiten als auch die Einteilung unserer Tageszeit. Wir müssen rauskommen aus dieser alten  industriellen Taktung, die für die Fabrik gut war, für Menschen aber immer schlecht sein wird.  Nicht Männer stehen Frauen im Weg, sondern männliche Arbeitszeiten aus der Industriegesellschaft, die längst vergangen ist. Wenn wir nicht in der Lage sind, Familie und Beruf zu vereinbaren, ist das eine menschliche Katastrophe, die auch ökonomisch katastrophal ist.


Was kann man dagegen tun?

Für andere, flexible Arbeitszeiten kämpfen. Die sichern mehr Chancengleichheit als die hehrsten politischen Sprüche. Organisationen müssen ebenso flexibel werden wie wir selber. Karriere muss auch in Abwesenheit vom Firmenschreibtisch möglich sein. Warum sollen sich ausgerechnet die in der Wissensgesellschaft am besten entwickeln, die direkter Kontroll- und Zugriffsmöglichkeiten ihrer Chefs ausgesetzt sind? Das mittlere Management, das auf die Präsenzpflicht „ihrer“ Mitarbeiter besteht, muss schlicht aufgelöst werden. Und es muss ein ganz starkes Leistungsmoment geben.


Warum?

Frauen sollten keine Quote fordern, sondern dass ihre Leistung anerkannt wird. Alles andere verstärkt die Ungerechtigkeit nur. Es ist ungerecht gegenüber den Frauen, die Leistung längst bringen und gute Führungsarbeit machen, auch im Vertrieb. Und es ist ungerecht gegenüber den männlichen Kollegen, die offen und auf Augenhöhe mit Frauen arbeiten und gar nichts anderes kennen – die aber bei jeder Quotenregelung nicht mehr nach ihrem persönlichen Können beurteilt werden, sondern nach Geschlecht diskriminiert. Man bekämpft Unrecht nicht mit Unrecht. Diese „fighting fire with fire“-Methode ist überholt. Stattdessen müssen wir Systeme ändern und Zugänge eröffnen.


Wer ist da gefragt: die Politik oder die Unternehmen?

In erster Linie die Unternehmen. Die Politik, die das verordnet, wird sich nicht durchsetzen. Und sie wäre auch auf dem falschen Weg. Gleichheit lässt sich nicht verordnen. Das ist ein alter ideologischer Irrtum. Es lässt sich nur durch Vernunft und Einsicht durchsetzen.


Das klingt nach einem langen, mühsamen Weg.

Nun, wir sind ja schon an diesem Punkt angelangt. Es gibt sehr viele hochqualifizierte Frauen, die man im Arbeitsprozess dringend braucht, um die Organisationen besser zu machen. Die guten Unternehmen wissen das längst. Sie verdanken ihre Erfolge offenem Denken.


Würde der Vertrieb denn besser, wenn mehr Frauen dabei wären?

Ja, natürlich. Das Denken von Frauen funktioniert ganz anders als das der Männer. Das ist sehr erfreulich. Ich bin für die Unterscheidbarkeit, nicht für das Auflösen aller Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Und weil Männer und Frauen sehr unterschiedlich sind, ist die logische Folge eine Vielfaltsökonomie. Wenn wir das verstanden haben, erweitern wir unsere Möglichkeiten – das Beste kommt dann noch.


Wie viel Zeit geben Sie dem Vertrieb, um seine Hausaufgaben zu machen?

Ich gebe ihm gar keine Zeit. Das müsste alles längst geschehen sein. Der Mangel an Frauen im Vertrieb ist ein Defizit, das sofort gelöst werden muss. Es ist höchste Zeit, anzufangen.

 

Wolf Lotter

ist 1962 im österreichischen Mürzzuschlag geboren und seit den 80er Jahren als Wirtschaftsjournalist tätig. 1999 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Wirtschaftsmagazins BRAND EINS, wo er zu den Schwerpunktthemen meinungsstarke Essays schreibt. DER JOURNALIST nannte ihn in einem Porträt "Deutschlands scharfzüngigsten Wirtschaftsjournalisten". Lotter beschäftigt sich intensiv mit der Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Sein aktuelles Buch "Zivilkapitalismus. Wir können auch anders" erschien 2013.

 

Von Viktoria Bittmann

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