Durchstarten

(c) dpa/Laci Perenyi

Auf eine Halbzeit mit Urs Meier

Urs Meier hat schon für die ganz Großen des Fußballs entschieden, wo es lang geht. Ob Zinedine Zidane oder Michael Ballack: Jeder mussten gehorchen, wenn der Schweizer zur Pfeife griff. Heute hält der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Vorträge über genau jenes: Entscheiden in schwierigen Situationen. Wir sprachen mit ihm über die Höhepunkte seiner Laufbahn, das Land mit dem schmackhaftesten Rasen und seine eigene Karriere als Vertriebler.

von Norbert P. Wessendorf

BDPlus: Herr Meier, was war die schwierigste Entscheidung in Ihrer Laufbahn als Schiedsrichter?

Urs Meier: Da muss ich kurz überlegen. Also eigentlich war die schwierigste Entscheidung, den richtigen Zeitpunkt für das Ende meiner Karriere zu finden. Da hatte ich am längsten mit zu tun. Die Entscheidungen auf dem Fußballplatz waren für mich nie schwierig. Da war für mich immer relativ klar, was zu tun ist.

BDPlus: Was hat Ihnen die Entscheidung, aufzuhören, leichter gemacht?

UM: Ich hatte mir ursprünglich gesagt, die Weltmeisterschaft 2002 mache ich noch und dann ist Schluss. Während der Weltmeisterschaft habe ich aber gemerkt, dass da noch viel Freude und Herzblut ist. So wurde es 2004, denn da war ja noch die Europameisterschaft. Danach sollte Schluss sein. Es kam aber etwas anders. Mit der Kampagne der Engländer, da konnte ich nicht einfach aufhören. Dann hätte es geheißen, da ist er schwach geworden. Also musste ich noch ein halbes Jahr anhängen – und das war auch gut so.

Anzeige

 

BDPlus: Sie sprechen das Viertelfinale England gegen Portugal an. Nach einem nichtgegeben Tor in der 90. Minute fühlten sich viele englische Fans um ihr EM-Glück betrogen. Es gab sogar Morddrohungen gegen Sie. Das hat den öffentlichen Druck, der auf Schiedsrichtern lastet, sicherlich nur erhöht. Auch Vertriebler stehen oft unter Druck, da von ihrer Leistung im Verkauf alles abhängt. Wie sind Sie mit diesem Leistungsdruck umgegangen?

UM: Indem ich den Druck nie angenommen habe. Es gibt zwei Arten von Druck: Den Erwartungsdruck von außen, den die Heimmannschaft oder das Heimpublikum versucht aufzubauen. Und es gibt den Druck, den man sich selbst macht: Das ist jetzt ein großes Spiel, da muss alles klappen, sonst ist meine Karriere gefährdet und ich kriege keine solchen Spiele mehr. Oder die Frage, wie stehe ich nachher in der Öffentlichkeit da? Da sollte man sich nicht zu große Gedanken machen, sondern es auf die Seite schieben. Es ist wichtig mit positiven Bildern in diese Spiele rein zu gehen und nicht mit negativen. Man sollte mit der Einstellung in ein Spiel gehen: Ich bin jetzt einer der besten Schiedsrichter der Welt und habe es mir verdient, dieses Spiel zu pfeifen. Und nach dem Spiel werden die Zuschauer zufrieden sein mit dem Spiel.

Das ist immer meine Art gewesen. Ich bin ein sehr positiver Mensch und sehe immer nur das positive. Das erleichtert einem die Sache ungemein. Ich weiß von Kollegen, die nur durch das Aufgebot für ein wichtiges oder schwieriges Spiel kaum mehr schlafen konnten und nur noch von Druck sprachen. Das war mir total fremd.


Immer auf Augenhöhe: Urs Meier hilft Italiens Kapitän Fabio Cannavaro während der EM 2004 wieder auf die Beine. (c) dpa/DOMENICO STINELLIS


 

BDPlus: Hatten Sie denn vor diesen Spielen ein Ritual? Etwa Glückssocken, die Sie am Morgen des Spiels angezogen haben?

UM:Mein Ritual begann schon am Abend vor dem Spiel beim Einschlafen. Bei den internationalen Spielen unter der Woche habe ich im Hotelzimmer immer dieselben Bilder im Kopf gehabt: Schlusspfiff, beide Mannschaften kommen zu mir und bedanken sich, umarmen sich gegenseitig, die Zuschauer stehen auf und applaudieren und gemeinsam laufen wir unter den Zuschauern in die Katakomben. Dann hatte ich noch ein Ritual direkt vor dem Spiel beim Einlaufen. Ich habe immer gesagt: Ich darf nichts als Ritual haben, was ich vergessen kann. Viele meiner Kollegen hatten einen Socken, ein Badetuch oder Amulett. Wenn das aber fehlt, ist die Aufregung groß. Was ich also gemacht habe, war folgendes: Beim Warmlaufen vor dem Spiel gab es eine Phase, in der ich zwei, drei Minuten für mich war. Dann habe ich ein Stück Rasen ausgerissen, daran gerochen und auch draufgebissen, um so eine Verbindung zum Rasen herzustellen. Dann habe ich mir wieder vorgestellt, was für ein schönes Spiel es sein wird. Und dann habe ich den Rasen mit Power fortgeworfen und gesagt: So, jetzt geht es los.

BDPlus: Gab es da einen Rasen, der besonders gut geschmeckt hat?

UM: (lacht) Ja, meistens waren es die Rasen in den unteren Liegen, die nicht groß mit Pestiziden bearbeitet wurden. Die Rasen in den großen Stadien waren meistens nicht sehr angenehm. Da konnte ich schmecken, dass viel Chemie im Spiel war. In der Türkei waren die Rasen eigentlich immer am besten. Denn dort haben sie die Halme immer lang wachsen lassen. Sie wollten nicht die schnellen Spiele – vor allem nicht, wenn sie gegen die Engländer gespielt haben.

...

 

BDPlus: Man muss all seine Entscheidungen also verkaufen können. Vor und während Ihrer Karriere als Schiedsrichten waren Sie auch im Vertrieb tätig.

UM: Ja, ich habe ein Unternehmen für den Vertrieb von Haushalts- und Küchengeräten mit 25 Mitarbeitern aufgebaut. Ich brauchte die Freiheit, um meine Tätigkeit als Schiedsrichter möglichst professionell gestalten zu können. Deswegen musste ich mein eigener Chef sein. Innerhalb kürzester Zeit war ich viertgrößter Miele-Händler in der Schweiz.

BDPlus: Wie haben denn Kunden reagiert, wenn Urs Meier im Verkaufsgespräch vor ihnen stand?

UM: Am Anfang war ich natürlich noch nicht so bekannt, da habe ich noch in der vierten Liga in der Schweiz gepfiffen. Aber später hat es mir sicherlich einige Türen geöffnet, wenn ich einen Gesprächstermin mit einem Architekten und einem größeren Händler haben wollte. Da hieß es dann „Urs Meier? Der Urs Meier? Ja natürlich dürfen Sie vorbei kommen!“. Und mit dem Fußball hatte man dann gleich schon ein gutes Gesprächsthema.

Das vollständige Interview lesen Sie in der Dezemeber-Ausgabe des Business Developer Plus. Hier abonnieren!

Über Urs Meier:

(c) Urs Meier AG

Urs Meier pfiff bis zum Ende seiner Schiedsrichter-Karriere 2005 883 Spiele. Zu den Highlights gehörten dabei das Halbfinale der WM 2002 zwischen Deutschland und Südkorea und das Championsleague-Finale zwischen Real Madrid und Bayer Leverkusen im selben Jahr. Mittlerweile lebt der dreifache Vater mit seiner Familie in Andalusien.

von Norbert P. Wessendorf
 

Das könnte Sie auch interessieren...