Interview

"Ich habe den Druck nie angenommen"

aus der Redaktion27.06.2018
(c) dpa/Laci Perenyi
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Urs Meier steht bei der WM in Russland dem ZDF als Experte zur Verfügung. Wir haben vor einiger Zeit mit ihm über seine Schiedsrichterkarriere und seine Vergangenheit im Vertrieb gesprochen.

Herr Meier, was war die schwierigste Entscheidung in Ihrer Laufbahn als Schiedsrichter?

Da muss ich kurz überlegen. Also eigentlich war die schwierigste Entscheidung, den richtigen Zeitpunkt für das Ende meiner Karriere zu finden. Da hatte ich am längsten mit zu tun. Die Entscheidungen auf dem Fußballplatz waren für mich nie schwierig. Da war für mich immer relativ klar, was zu tun ist.

Was hat Ihnen die Entscheidung, aufzuhören, leichter gemacht?

Ich hatte mir ursprünglich gesagt, die Weltmeisterschaft 2002 mache ich noch und dann ist Schluss. Während der Weltmeisterschaft habe ich aber gemerkt, dass da noch viel Freude und Herzblut ist. So wurde es 2004, denn da war ja noch die Europameisterschaft. Danach sollte Schluss sein. Es kam aber etwas anders. Mit der Kampagne der Engländer, da konnte ich nicht einfach aufhören. Dann hätte es geheißen, da ist er schwach geworden. Also musste ich noch ein halbes Jahr anhängen – und das war auch gut so.

Sie sprechen das Viertelfinale England gegen Portugal an. Nach einem nichtgegeben Tor in der 90. Minute fühlten sich viele englische Fans um ihr EM-Glück betrogen. Es gab sogar Morddrohungen gegen Sie. Das hat den öffentlichen Druck, der auf Schiedsrichtern lastet, sicherlich nur erhöht. Auch Vertriebler stehen oft unter Druck, da von ihrer Leistung im Verkauf alles abhängt. Wie sind Sie mit diesem Leistungsdruck umgegangen?

Indem ich den Druck nie angenommen habe. Es gibt zwei Arten von Druck: Den Erwartungsdruck von außen, den die Heimmannschaft oder das Heimpublikum versucht aufzubauen. Und es gibt den Druck, den man sich selbst macht: Das ist jetzt ein großes Spiel, da muss alles klappen, sonst ist meine Karriere gefährdet und ich kriege keine solchen Spiele mehr. Oder die Frage, wie stehe ich nachher in der Öffentlichkeit da? Da sollte man sich nicht zu große Gedanken machen, sondern es auf die Seite schieben. Es ist wichtig mit positiven Bildern in diese Spiele rein zu gehen und nicht mit negativen. Man sollte mit der Einstellung in ein Spiel gehen: Ich bin jetzt einer der besten Schiedsrichter der Welt und habe es mir verdient, dieses Spiel zu pfeifen. Und nach dem Spiel werden die Zuschauer zufrieden sein mit dem Spiel.

Das ist immer meine Art gewesen. Ich bin ein sehr positiver Mensch und sehe immer nur das positive. Das erleichtert einem die Sache ungemein. Ich weiß von Kollegen, die nur durch das Aufgebot für ein wichtiges oder schwieriges Spiel kaum mehr schlafen konnten und nur noch von Druck sprachen. Das war mir total fremd.

Hatten Sie denn vor diesen Spielen ein Ritual? Etwa Glückssocken, die Sie am Morgen des Spiels angezogen haben?

Mein Ritual begann schon am Abend vor dem Spiel beim Einschlafen. Bei den internationalen Spielen unter der Woche habe ich im Hotelzimmer immer dieselben Bilder im Kopf gehabt: Schlusspfiff, beide Mannschaften kommen zu mir und bedanken sich, umarmen sich gegenseitig, die Zuschauer stehen auf und applaudieren und gemeinsam laufen wir unter den Zuschauern in die Katakomben. Dann hatte ich noch ein Ritual direkt vor dem Spiel beim Einlaufen. Ich habe immer gesagt: Ich darf nichts als Ritual haben, was ich vergessen kann. Viele meiner Kollegen hatten einen Socken, ein Badetuch oder Amulett. Wenn das aber fehlt, ist die Aufregung groß. Was ich also gemacht habe, war folgendes: Beim Warmlaufen vor dem Spiel gab es eine Phase, in der ich zwei, drei Minuten für mich war. Dann habe ich ein Stück Rasen ausgerissen, daran gerochen und auch draufgebissen, um so eine Verbindung zum Rasen herzustellen. Dann habe ich mir wieder vorgestellt, was für ein schönes Spiel es sein wird. Und dann habe ich den Rasen mit Power fortgeworfen und gesagt: So, jetzt geht es los.

Gab es da einen Rasen, der besonders gut geschmeckt hat?

(lacht) Ja, meistens waren es die Rasen in den unteren Liegen, die nicht groß mit Pestiziden bearbeitet wurden. Die Rasen in den großen Stadien waren meistens nicht sehr angenehm. Da konnte ich schmecken, dass viel Chemie im Spiel war. In der Türkei waren die Rasen eigentlich immer am besten. Denn dort haben sie die Halme immer lang wachsen lassen. Sie wollten nicht die schnellen Spiele – vor allem nicht, wenn sie gegen die Engländer gespielt haben.


Im Interview: Bibiana Steinhaus auf dem Vertriebsmanagementkongress 2018


Stichwort Türkei: Die Spiele dort sind oft von Emotionen und großer Leidenschaft geprägt und bisweilen auch sehr hitzig. Sie haben in einem Interview erzählt, dass Sie sich immer auf die kulturellen Begebenheiten und Unterschiede vorbereitet haben, bevor sie ein Spiel gepfiffen haben. Gab es da bestimmte Mannschaften und Spieler, auf die Sie sich besonders intensiv vorbereiten mussten?

Wenn Du die Mentalität nicht kennst, dann wird es schwierig, die Spieler richtig anzusprechen. Je schlechter ich die Kulturen kannte, desto mehr habe ich versucht, mich auf die Kulturen einzustellen. Ich hatte in der Anfangsphase meiner Karriere den Vorteil, dass wir immer viele kleine Länderspiele hatten. Wir hatten Türk Aarau, Mladost Aarau, das war ein jugoslawischer Verein, und Espagñol Aarau. Später habe ich gemerkt, dass die großen Mannschaften genau die gleiche Mentalität hatten, wie die aus Aarau. Die türkische Nationalmannschaft hat eigentlich genau die selbe Mentalität gehabt wie Türk Aarau in der zweituntersten Liga.

Was ich aber nicht gekannt habe, war Südkorea. Ich hatte mich zwar mit der Kultur dort auseinander gesetzt, war dann aber trotzdem überrascht. Es kam auf dem Platz überhaupt keine Reklamation. Keine Reaktion auf eine Entscheidung. Und das irritiert unglaublich. Wenn du jetzt einen Elfmeter gibst oder einen Freistoß kurz vor dem Strafraum, dann erwartest du Reaktionen von den Spielern. Aber da kam nichts. Beim zweiten Spiel, Südkorea gegen Deutschland, da wusste ich es, da war es dann auch einfacher. Man muss sich im Vertrieb auch auf die Firmenkultur einstellen, dass man da nicht überrascht wird.

Was war Ihnen denn lieber? Viele Einwände oder besser gar keine Reaktion?

Für mich ist Fußball ein Sport mit Emotionen. Wenn keine Emotionen von den Spielern kommen, dann fehlt da was. In diesen 90 Minuten muss etwas passieren. Ich hab das gern gehabt, damit umzugehen. Die 22 verschiedenen Charaktere auf dem Platz richtig anzusprechen, das war eine Herausforderung, die mir Spaß gemacht hat. Aber dafür muss man sich eben auch entsprechend vorbereiten.

Gab es da auch einzelne Spieler, auf die Sie sich besonders vorbereitet haben? Ich denke da zum Beispiel an einen Gennaro Gattuso vom AC Mailand, der auf dem Platz vielleicht nicht die angenehmste Person war.

Ja, die gab es. Aber Gattuso ist ein Spieler gewesen, mit dem habe ich nie Probleme gehabt. All diese harten, aber fairen Spieler muss man wie jeden anderen Spieler behandeln. Wer mit Vorurteilen in ein Spiel geht, der ist nicht mehr neutral. Vor jedem Spiel beginnt es wieder bei null. Sonst nimmt das Umfeld das auch wahr und dann wird es für den Schiedsrichter ganz schwierig. Aber Gattuso war ein harter Spieler, so ein richtiger Terrier. Gleichzeitigt war er für mich nicht unfair. Er ist zum Beispiel nicht mit offener Sohle reingerutscht. Der Fuß war immer am Boden. Für mich war klar: So lange er das fair und hart macht, ist das Fußball. Und jede Mannschaft braucht einen solchen Spieler.

Was bedeutet das für einen Vertriebler in der Vorbereitung?

Bei all der Vorbereitung sollte man sich eine gewisse Unbefangenheit bewahren. Denn wenn Du rein gehst und Entscheidungen auf Grundlage von Vorurteilen triffst, sind sie beeinflusst. Wenn sie beeinflusst sind, gerade als Schiedsrichter, dann schlägt das immer auf einen zurück. Das bedeutet für den Vertriebler: Auch wenn mit dem Kunden mal etwas vorgefallen ist, positiv oder negativ, immer wieder zu versuchen, wertfrei in eine Verhandlung zu gehen.

Jetzt sind wir schon beim Verkaufsgespräch angelangt. Schiedsrichter wie auch Vertriebler genießen eine gewisse Autorität und sollten beim Spieler oder Kunden auch eine Vertrauensperson sein. Wie sollte man auftreten, um dieser Rolle gerecht zu werden?

Ich denke, man sollte sich immer auf Augenhöhe begegnen. Wenn ich jetzt den Fußball nehme: Zu meiner Zeit haben noch der dicke Ronaldo, Ronaldinho und Zidane gespielt. Aber ob Müller, Meier oder Huber: Ich habe jedem Spieler gezeigt, dass ich ihm auf Augenhöher begegne. Du hast jetzt keinen Vorteil, weil du Zidane heißt, aber auch keinen Nachteil, weil du Huber heißt. Wenn die das spüren, dann habe ich die Achtung von beiden. Das ist der Schlüssel für langfristigen Erfolg.


(c) Urs Meier AG

Urs Meier pfiff bis zum Ende seiner Schiedsrichter-Karriere 2005 883 Spiele. Zu den Highlights gehörten dabei das Halbfinale der WM 2002 zwischen Deutschland und Südkorea und das Championsleague-Finale zwischen Real Madrid und Bayer Leverkusen im selben Jahr. Mittlerweile lebt der dreifache Vater mit seiner Familie in Andalusien.


Eine weitere Parallele zwischen dem Beruf als Schiedsrichter und als Vertriebler sind digitale Hilfsmittel. Macht für Sie die Torkamera die Aufgabe des Schiedsrichters schwieriger, weil sie eventuelle Fehlentscheidungen aufdeckt?

Bei der Torkamera ist es eine ganz klare Erleichterung. Wenn der Ball um ein paar Zentimeter hinter der Linie ist und dann herausgeschlagen wird, dann wusstest du ganz genau: Das hat jetzt die ganze Welt gesehen und du hast falsch entschieden. Da hatte man vor jedem Spiel den Gedanken: Hoffentlich passiert das nicht. Dieser Unsicherheitsfaktor ist jetzt weg. So kann sich der Schiedsrichter auf andere Situationen konzentrieren.

Würden Sie das gleiche über den Videobeweis sagen, den viele fordern?

Das kann ich nicht genau sagen. Bei einem Tor kann man immer sagen: Das ist ein Tor oder nicht. Handspiele, Foulspiele und Abseitssituationen sind nicht immer eindeutig. Auf dem Platz hat man eine andere Wahrnehmung, als vor dem Bildschirm. Wenn der Schiedsrichter dann vom Videoschiedsrichter überstimmt wird, dann musst du vielleicht 70 Minuten mit dem Bewusstsein weiterpfeifen, etwas falsch gemacht zu haben. Ich bin also nicht überzeugt, dass das die ganz große Hilfe ist.

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe Juni 2017 des Business Developer Plus. Die Fragen stellte Norbert Wessendorf.

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