Porträt

"Networking ist eine Haltung im Leben"

von David Krenz13.11.2018
(c) dpa/Andreas Gebert;
(c) dpa/Andreas Gebert;

Herbert Henzler verantwortete jahrelang das Deutschlandgeschäft der Unternehmensberatung McKinsey. Stetiger Begleiter auf seinem Weg an die Spitze des Beratertums war sein ausgeprägter Sinn, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen.

von David Krenz

Als Deutschland-Chef machte er McKinsey zum Synonym für Unternehmensberatung, er beriet Konzerne wie Siemens und Daimler genauso wie die Bayerische Staatsregierung, er saß und sitzt in Aufsichtsräten, ist Stammgast beim Weltwirtschaftsgipfel – kurzum: Herbert Henzler, 76, gilt als vielleicht begnadetster Netzwerker, den Deutschland je hatte. Wie viele Kontakte zählt so einer auf dem Karriereportal LinkedIn? Ganze 10. Als man ihn im Interview mit der Zahl konfrontiert, muss Henzler lachen. Er hat seine mächtigen Netzwerke mit anderen Methoden geschmiedet.

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Methode 1: Misch mit

Wie wird man zum Netzwerker? Indem einen die Eltern auf Empfänge schleppen oder im Internat anmelden, um die Kunst der Konversation und die Codes der Elite zu lernen? Henzlers Kindheit war das ziemliche Gegenteil. Er wuchs als Bauernjunge im schwäbischen Neckarhausen auf. „Ich nahm Anteil am Dorfgeschehen“, erzählt er. So lernte er den Wert von Netzwerken und wie sie funktionieren. „Kirche und Sportverein, das waren die Institutionen, die einen weitertrugen.“ Mit sieben Jahren erkrankte er an Tuberkulose. Die Eltern trauten ihm keinen körperlichen schweren Beruf zu und schickten ihn auf die (höhere) Mittelschule, wo er Englisch lernte und bald als Einziger im Dorf mit den amerikanischen G. I. „schwätzen“ konnte.

„Wenn Sie führen wollen, müssen sie ein starkes Interesse an Menschen haben“, sagt er. Und führen, das wollte er. Als 17-Jähriger gab er den Reiseleiter für Skitouristen, er war Kapitän seines Fußballteams und ab dem ersten Semester AStA-Vorsitzender.

Seine Mitarbeiter bei McKinsey sollten sich auch neben der Arbeit einbringen – „zum Wohle der Gesellschaft und zum eigenen inneren Ausgleich“, heißt es in seiner Autobiografie. Henzler rät jedem, seine Netzwerke weniger nach möglichem Karrierenutzen, sondern nach persönlicher Neigung zu wählen. Mit über 70 nahm er Mandarin-Unterricht, bei einer Sinologin der Uni München, wo er Management lehrt. Er habe nie einen Ratgeber über Netzwerken gelesen, schreibt er in seinem Buch: „Für mich ist Networking nicht Mittel zum Zweck, sondern eine Haltung im Leben.“

Methode 2: Bilde Seilschaften

Anfang der Neunziger luden Henzler und Bergsteigeridol Reinhold Messner erstmals Konzernmanager zu gemeinsamen Gipfeltouren, um am Tage zu kraxeln und abends über Ökonomie und Gesellschaft fachzusimpeln. Die „Similauner“, benannt nach dem Gletscher Similaun im Öztal, den sie kürzlich zum 25-jährigen Gruppenjubiläum erneut bestiegen – gelten als mächtigste Seilschaft der deutschen Wirtschaft.
 
Solche informellen Männerbünde und auch der Begriff „Seilschaft“ umweht heute nicht unbedingt der beste Ruf. Henzler bedauert das, er habe die Touren „als geradezu begnadete Erfahrungen“ empfunden“, sagt er. „Man erlebt unterschiedliche Führungsrollen, muss Rücksicht auf die Schwächeren der Gruppe nehmen, Risiken richtig einschätzen und sich aufeinander verlassen können.“ Wertvolle Lektionen, nicht nur für den Berg.

Der erfolgreiche Netzwerker, er tritt nicht nur Gruppen bei – sondern gründet auch emsig neue. Bei McKinsey schuf Henzler Winterfreizeiten für Mitarbeiter samt Familien und organisierte zwischen den europäischen Standorten Sportturniere. Henzler sah die Firma als „große Familie“ und wollte seinen Beitrag leisten. Das riesige Netz aktueller und ehemaliger „Meckies“, die sich gegenseitig in ihren Karrieren fördern, gilt als vorbildlich in der Wirtschaftswelt.


zur Person:

Herbert Henzler wurde 1941 im baden-württembergischen Plochingen geboren. Nach eine Lehre zum Großhandelskaufmann bei Shell studierte er BWL in Siegen, Saarbrücken, München und Berkley. Seine Karriere Begann 1970 als Unternehmensberater bei McKinsey & Company. 2001 verließ er als „European Chairman“ McKinsey & Company. Heute ist er Aufsichtsrat bei u.a. FC Bayern München und der Ottonova AG.


Methode 3: Pflege deine Kontakte

Das Handelsblatt titelte einst über Henzler: „Sein Adressbuch ist ein Schatz“. Es versammle um die 2500 Kontakte, schätzt er. „Die sind alle aktuell.“ Er widmet der Pflege einige Zeit, verschickt interessante Artikel und lädt damit zum Diskutieren ein. Liest er ein inspirierendes Buch, schreibt er dem Autor. Nicht selten entspinnt sich ein Briefwechsel – und Henzlers Adressbuch ist um einen Eintrag reicher.

Kontakte zunächst absichtslos zu knüpfen, das empfiehlt sich auch allen, die sich beruflich vernetzen wollen: Die Karriereberaterin Gaby Schramm rät in ihren Networking-Seminaren zu „Geduld und Ausdauer“, wie sie erzählt. „Manchmal kann es Jahre dauern, bis ein Kontakt zu einem Kunden wird.“ Um im Gedächtnis der anderen zu bleiben, könne man zu Geburtstagen und Jobwechseln gratulieren oder seine Hilfe anbieten.

Nach einer Studie der Universität Toronto sind Netzwerke besonders wirksam, wenn ein gleichwertiger Austausch existiert. Das Motto: Frage nicht, was dein Netzwerk für dich tun kann – frage, was du für dein Netzwerk tun kannst. Herbert Henzler fördert Nachwuchskräfte als Mentor und half so manchem Top-Manager aus der Karrierekrise: „Wenn Menschen mir nahe stehen, dann halte ich auch in schlechten Zeiten zu ihnen.“

Methode 4: Bleib am Ball

Seine frühen Karriereziele formuliert Henzler so: „Ich wollte die Gesellschaft mitgestalten, etwas bewegen.“ Der Einstieg bei McKinsey liegt bald fünf Jahrzehnte zurück, der 80. Geburtstag rückt näher, vom Mitgestalten aber kann er nicht lassen. Im „Spiegel“ warnte er kürzlich vor den Folgen eines Handelskriegs, im „Focus“ forderte er weniger Bürokratie im Wohnungsbau. Er schrieb das Vorwort zur deutschen Übersetzung des Bestsellers „The Second Machine Age“, ein Sachbuch zur digitalen Revolution. Er mag kaum im Internet präsent sein – beschäftigt sich aber intensiv mit ihm.

Nach dem Gespräch mit Business Developer Plus wird Henzler sich ins Auto setzen und an den Münchner Stadtrand fahren. Einladung in die Allianz-Arena, zum Heimspiel des FC Bayern.

Bei feiner Kost plaudert man angeregt mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, darf dabei über die Spielkunst weltberühmter Kicker jubeln. Kein Wunder, dass Henzler die Karriereportale im Internet links liegen lässt – bei all dem Spaß, den die gute, alte Art des Netzwerkens verspricht.

 

von David Krenz

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